Reisebericht Äthiopien

Reisebericht aus Äthiopien

Voller Vorfreude und auch ein bisschen aufgeregt, machten wir uns im Oktober 2022 endlich wieder auf den Weg nach Äthiopien – schließlich lag unser letzter Besuch schon etwas länger als gewöhnlich zurück. Die Corona-Pandemie und die kriegerischen Auseinander- setzungen im Norden Äthiopiens hatten uns eine ungewollte Reisepause auferlegt. Außerdem stand uns diesmal ein ganz besonderer Trip bevor: Es sollte sowohl der vorerst letzte Besuch in der Region Borena, als auch das erste Kennenlernen mit den Frauen in unserer neuen Projektregion Ankober werden.

Erster Stopp Ankober im Regionalstaat Amhara

Von Addis Abeba aus traten wir die vierstündige Autofahrt nach Ankober an. Das Projektgebiet liegt nördlich der Hauptstadt auf knapp 3.000 Meter Höhe. Schon auf dem Weg dorthin bestaunten wir abwechselnd die nebelverhangenen Hügel, die terrassierten Anbau­ flächen und die satten Blüten der Adey Ababa, eine gelbe Blumen, die in Äthiopien das neue Jahr und den Beginn des Sommers ankündigt.

In Ankober angekommen, wurden wir von unserem Implementierungspartner und einem atemberaubenden Ausblick bis in den benachbarten Regionalstaat Afar begrüßt. Und dann ging unser Programm auch schon los: Wir durften in den folgenden Tagen an Schulungen für das Komitee der neu gegründeten Mikrokredit­ vereinigung Tayitu in Gorabela teilnehmen, dem Treiben auf dem Markt beiwohnen und die Projektteil­ nehmerinnen kennenlernen.

Rund 110.000 Menschen leben in der Hochlandregion vorwiegend von der Subsistenzwirtschaft. Gemeinsam mit unserem Partner vor Ort haben wir uns für die Arbeit in Ankober auf Grundlage von Bedarfsanalysen und dem regionalen Entwicklungspotenzial ent­ schieden. Dabei hat sich relativ schnell gezeigt, dass Frauen sich Unterstützung beim Einstieg in die Selbstständigkeit wünschen. Das spiegelten auch die Gespräche mit den Projektteilnehmerinnen wider.

In jeder Unterhaltung erzählten uns die Frauen, wie wichtig ihnen ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Selbstwirksamkeit durch ihre Arbeit sei. Sie setzen alles daran, durch ihr Business eine Zukunftsperspektive für sich und ihre Familien zu erarbeiten.

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Über Mut und Ziele, aber auch die herausfordernden Lebensrealitäten der Frauen vor Ort sprachen wir in den Tagen in Ankober viel. Wir haben die Frauen reden lassen und zu­ gehört, untereinander diskutiert, Eindrücke auf­ gesogen und wieder einmal unsere Annahme bestätigen können: Der Austausch mit den Projektteilnehmerinnen ist sowohl das Highlight als auch die Basis unserer Arbeit, da die Bedeutsamkeit des voneinander Lernens kaum zu überschätzen ist.

Bevor wir die Weiterreise nach Borena antraten, gab es für uns noch ein Highlight: Mittagessen auf ca. 2.800 Metern über dem Meeresspiegel im Ankober Palace Lodge, einem Restaurant und Hotel, das auf dem Gelände des Palastes von Kaiser Menelik II. erbaut wurde. Er war nicht nur der Begründer des modernen Äthiopien im 19. Jahrhundert, sondern nannte auch Ankober stolz seine Heimat.

Auf nach Borena im Regionalstaat Amhara

Nach neun Stunden Fahrt durch die atemberaubend abwechslungsreiche Landschaft Amharas bog unser Auto in die geschäftigen Straßen von Mekane Selam ein — die zentrale Stadt der Region Borena. Bereits in den ersten Minuten in der Stadt wurde uns der erhebliche Unterschied zwischen Ankober und Borena bewusst. Während das Zentrum von Gorabela einen kleinen Freiplatz gesäumt von Cafés und Bistros in Wellblechhütten barg, ragten in Mekane Selam Baustellen von zweistöckigen Häusern in die Höhe. Entlang der Hauptstraße schlängelten sich eine Vielzahl von Shops mit unterschiedlichen Waren, Restaurants und Cafés sowie ein großer Marktplatz mit teilweise fest installierten, überdachten Ständen. Für uns war es, als würden wir aus einem verschlafe­ nen Bergdorf in eine rege Metropole einfahren. In Wirklichkeit ist der Unterschied nicht so drastisch, dennoch schien es, als würden wir in gewisser Weise eine Zeitreise unternehmen – in die mögliche Zukunft von Ankober. Denn auch Borena samt Mekane Selam war nicht immer so eine pulsierende Region.

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich einiges getan. Bevor unser Implementierungspartner Menschen für Menschen seine Arbeit vor über zwölf Jahren dort aufnahm, war auch Borena eine infrastrukturell wenig entwickelte und innerhalb Äthiopiens besonders arme Region. Seither hat Borena die notwendige Starthilfe bekommen, um sich Stück für Stück zu der Umgebung zu entwickeln, die sich nun vor unseren Augen ent­ faltete. Zwischen Gesundheits­, Landwirtschafts­ und Bildungsprojekten, fand auch unser Mikrokredit­ projekt seinen Platz, um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern voranzutreiben.

Aufgrund des kontinuierlichen Wachstums der Geschäfte der Projektteilnehmerinnen stehen die Mikrokreditvereinigungen Borenas heute an dem Punkt, komplett finanziell unabhängig von uns arbeiten zu können. Seit 2022 können sich die Frauen in Borena gänzlich aus eigener Kraft gegenseitig fördern und gemeinsam wachsen. 

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Diese wundervolle Entwicklung haben wir uns zum An­ lass genommen, um noch einmal abschließend mit unse­ ren Projektteilnehmerinnen über ihre Entwicklung, die Region und das Projekt zu sprechen. Es war wirk­ lich erstaunlich, das Wachstum in Borena und spe­ ziell in Mekane Selam zu sehen.

Während unseres Aufenthalts luden uns viele Projekt­ teilnehmerinnen ein, bei Kaffee über ihre persön­ liche, aber auch die Entwicklung der Region zu spre­ chen. Wir durften sie in ihren – oft aus den Gewinnen ihrer Unternehmen neu gebauten – Häusern besuchen, ihre Familien kennenlernen oder ihnen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Es hätte kaum beein­ druckender sein können, die erfolgreichen Café­ Besitzerinnen, Shop­Inhaberinnen, Bäuerinnen, Händlerinnen und Bäckerinnen in ihrem Element zu erleben. Besonders die stolzen Blicke der Frauen, die sagten “Das habe ich mir selbst erarbeitet und das ist erst der Anfang!” werden uns noch lange im Gedächtnis bleiben. 

Auch Sozialarbeiterin Asegedech Semegn, die Borena und seine Bewoh­ ner:innen über mehr als ein Jahrzehnt begleitet hat, schenkt uns ihre Zeit, um über ihre Erfahrungen mit dem Projekt zu sprechen. „Die Projektteilnehmerinnen sind mittlerweile wie meine Familie. Sie sind wie Schwester, mit denen ich eine wundervolle Beziehung habe und die mir ihre Geheimnisse anvertrauen. In Borena haben so viele Frauen unsere Erwartungen übertroffen. Eine Teil­ nehmerin besaß nichts, als sie dem Projekt beitrat. Heute wohnt sie einem dreistöckigen Haus, dass sie für sich und ihre Familie bauen ließ. Ich bin so glücklich, wie sich die Situation der Frauen in den vergangenen Jahren verbessert hat. Sie haben mit ihrer Arbeit so viel erreicht”, sagt Asegedech über die Mikrokreditnehmerinnen.

So schließt sich das Kapitel der Projektarbeit in Borena vorerst für nuruWomen und auch unsere Reise kommt zu ihrem Ende. Den Businessgründerinnen und auch uns selbst versprechen wir aber: Das war nicht unser letzter Besuch! Viel zu neugierig sind wir, was die Zukunft für die Frauen und die Region bringen wird.

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