Tigray: Wenn sexualisierte Gewalt nach dem Krieg weitergeht
Sexualisierte Gewalt ist in bewaffneten Konflikten kein zufälliges Begleitphänomen, sondern Teil der Realität von Krieg. Sie wird gezielt eingesetzt, um Menschen zu demütigen, Gemeinschaften zu zerstören und Angst zu verbreiten. Auch in Tigray wurde während des Konflikts zwischen 2020 und 2022 geschlechtsspezifische Gewalt in großem Ausmaß dokumentiert. Vergewaltigungen dienten nicht nur der individuellen Erniedrigung, sondern auch der Einschüchterung ganzer Gemeinschaften.
Doch geschlechtsspezifische Gewalt beginnt nicht erst im Krieg – und sie endet nicht mit einem Waffenstillstand.
Auch nach dem offiziellen Ende des Konflikts sind Frauen und Mädchen in Tigray weiterhin sexualisierten Übergriffen, körperlicher Gewalt und psychischer Unterdrückung ausgesetzt. Viele leben in anhaltender Unsicherheit, ohne Schutz, ohne verlässliche medizinische Versorgung und ohne Zugang zu psychosozialer Unterstützung. Gewalt bleibt Teil ihres Alltags.
Die Zahlen zeigen das Ausmaß: 43,3% der Frauen in Tigray haben mindestens eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt erlebt. Gleichzeitig fehlt vielerorts angemessene Unterstützung. Zwar sind die meisten Gesundheitseinrichtungen grundsätzlich funktionsfähig, doch nur 26% bieten umfassende Hilfe an und nur 29% verfügen über spezialisierte Versorgung für Überlebende sexualisierter Gewalt.
Mit den Folgen (u.a. körperliche Verletzungen, Traumata und Stigmatisierung) werden die Frauen und Mädchen zu oft alleine gelassen. Das wollen wir verändern.

Geschlechtsspezifische Gewalt hat viele Gesichter
Geschlechtsspezifische Gewalt umfasst weit mehr als Vergewaltigungen oder sexuelle Belästigung. Sie zeigt sich auch in Kontrolle, wirtschaftlicher und sozialer Abhängigkeit, fehlendem Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung sowie in gesellschaftlicher Ausgrenzung. Zusätzlich zur zunehmenden sexualisierten Gewalt verschärfen Konflikte die bereits bestehenden Ungleichheiten im Alltag von Frauen und Mädchen: Schutzstrukturen brechen weg, Armut nimmt zu und grundlegende Unterstützung wird unerreichbar.
Besonders Mädchen sind davon betroffen. Sie übernehmen früh Verantwortung im Haushalt, müssen häufiger die Schule verlassen und erleben, wie ihre Bildung und Selbstbestimmung eingeschränkt werden. Gesellschaftliche Erwartungen führen dazu, dass Mädchen deutlich schneller vom Schulbesuch ausgeschlossen werden als Jungen. Es fehlen sichere Toiletten mit Waschmöglichkeiten an Schulen, Aufklärung und Hygieneprodukte. Sogar die Menstruation wird zum Hindernis für Bildung. Da die Monatsblutung oft mit Stigmata, Scham und Unsicherheit verbunden ist, bleiben viele Mädchen dem Unterricht mit dem Einsetzen der Menstruation fern und brechen die Schule nach wiederholten Fehlzeiten oft ganz ab.
So zeigt sich geschlechtsspezifische Benachteiligung nicht nur in sichtbarer Gewalt, sondern auch dort, wo Strukturen Mädchen und Frauen daran hindern, sicher zu lernen, medizinische Hilfe zu erhalten und selbstbestimmt über ihr Leben zu entscheiden. Deshalb verbinden wir Schutz und psychosoziale Unterstützung mit langfristiger struktureller Stärkung: Wir schaffen Schutzräume, fördern wirtschaftliche Unabhängigkeit und ermöglichen den Zugang zu Bildung, Hygieneprodukten und Aufklärung.
Unser Ziel ist, dass Frauen und Mädchen mit ihren Erfahrungen nicht alleine bleiben, sondern Sicherheit, Würde und Zukunftsperspektiven zurückgewinnen.
Wie wir konkret unterstützen:
Schutz und Versorgung
In zwei Women and Girls Safe Spaces erhalten Betroffene psychosoziale Unterstützung, Beratung und Zugang zu medizinischer Versorgung. Zusätzlich werden Gesundheitseinrichtungen renoviert und Fachkräfte im Umgang mit Gewalt und Trauma geschult.
Gewalt verhindern
durch Aufklärung. Gemeinsam mit Gemeinden, Schulen, religiösen Führungskräften und lokalen Behörden stärken wir Wissen über Gewaltprävention und psychische Gesundheit.
Durch Schulungen, Dialoge und Sensibilisierungskampagnen kann Gewalt frühzeitig erkannt und der Zugang zu Hilfe unterstützt werden.
Wirtschaftliche Unabhängigkeit
für Frauen. Wir unterstützen besonders betroffene Frauen beim Aufbau eigener kleiner Einkommensquellen.
Durch Trainings, Business-Unterstützung und Sachmittel (z. B. Vieh oder Ausstattung) entstehen nachhaltige Existenzen und neue Perspektiven.
Bildung für Mädchen sichern
Wir unterstützen konfliktbetroffene Kinder dabei, wieder regelmäßig zur Schule zu gehen. Dazu gehören Menstruationshygiene-Produkte für Mädchen, Schulungen für Eltern und psychosoziale Unterstützung für Familien und Schulen.
Umgesetzt wird das Projekt von der Organisation Mums for Mums in Tigray, die die Frauen begleitet, die von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind – ermöglicht mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die Unterstützung von nuruWomen, in Zusammenarbeit mit Menschen für Menschen.
